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Kindertrauer: Kinder brauchen Ehrlichkeit

am . Veröffentlicht in Bertha das Deichschaf

Sabine Marya

Kindertrauer ist ein sehr sensibles Thema. Nordseehenswertes bat die Autorin Sabine Marya um einige Antworten, um das Verhalten trauernder Kinder besser zu verstehen. Sabine Marya ist eine der Autoren, die das neu erschiene Kinderbuch "Bertha und Anna und der Tod - für alle, die Abschied nehmen müssen" geschrieben haben.

Wie gehen Kinder mit einem solchen Verlust um?
Das ist je nach Altersstufe sehr unterschiedlich und wie nahe dieser verstorbene Mensch dem Kind war. Hinzu kommen noch einzelne Unterschiede beim Verhalten der Kinder durch die Sozialisation und  ihre eigene Religiosität. Eine weitere wichtige Rolle spielt natürlich, wie sie auf diesen Verlust durch ihr begleitendes Umfeld vorbereitet werden, ob es zum Beispiel ein langsames Sterben ist oder aber der Tod unerwartet kommt, also diesen Menschen plötzlich aus dem gemeinsamen Leben heraus reißt. Außerdem spielt auch das Verhalten des Umfeldes eine wichtige Rolle.

Wenn eine nahe oder vielleicht sogar die wichtigste Bezugsperson eines Kindes stirbt, dann liegt die Welt dieses Kindes erst einmal in Trümmern. Nichts hat mehr Bestand, alles, was einmal sicher gewesen ist, löst sich auf.
Die Kinder sind voller Schmerz, Wut, Zorn, Angst, Unsicherheit, Fassungslosigkeit, Verwirrung, die Gefühle fahren Achterbahn ... und in ihrem Gefühlschaos benehmen sie sich selbstverständlich oft nicht so, wie es die Gesellschaft von ihnen erwartet oder erhofft, sondern bringen ihre Gefühle teilweise so geballt zum Ausdruck, dass sie andere Menschen erschrecken oder verunsichern oder teilweise auch verletzen.

Andere Kinder bauen um sich herum eine Mauer, durch die sie abweisend, kalt und unnahbar wirken und durch die sie keinen an sich heran lassen, während in ihnen das Chaos tobt oder sie alles dafür tun, um ihre Gefühle nicht spüren zu müssen.
Manche Kinder wollen gar nicht über den Verlust reden, während es anderen ein Bedürfnis ist, immer und immer wieder darüber zu reden.
Schwierig ist es besonders für die Kinder, die zu wenig Informationen erhalten oder die Schuldgefühle entwickeln, für den Tod verantwortlich zu sein.

Jüngere Kinder können die Komplexität des Todes noch nicht verstehen oder sie haben sehr eigene oft magische Vorstellungen davon. Es ist für sie schwer zu begreifen, dass dieser Mensch nicht wieder aufwachen oder zu ihnen zurückkommen wird. Manche kleineren Kinder suchen sogar den Verstorbenen in der Hoffnung, ihn zu "erlösen". So, wie Dornröschen von dem Prinz wach geküsst wurde. Oder sie entwickeln diffuse Ängste. Deshalb ist es so wichtig, ihnen genau zuzuhören und sehr genau zu erklären, was es bedeutet, tot zu sein, damit sie den Verlust beweinen und ihn begreifen können.
Die kleinen Kinder können, wenn die Erwachsenen sie lassen, noch sehr gut Trauer spüren und leben, mit allen Facetten, die dazu gehören, wie Traurigkeit, Wut, Empörung, Schmerz. Doch sie brauchen liebevolle Begleitung und Unterstützung dabei und die Möglichkeit, trotzdem auch Freude, Spiel und Spaß leben zu können und zu dürfen.

Ältere Kinder dagegen haben inzwischen in unserer Gesellschaft meistens ein größeres Wissen über Vergänglichkeit, Sterben und Tod und können dadurch begreifen, dass dieser Mensch im Sterben liegt oder gestorben ist. Trotzdem fällt es ihnen oft viel schwerer, über ihre Gefühle zu reden oder zu wissen, wie sie diese ausdrücken sollen und es ist für die Erwachsenen oft schwieriger, mit ihnen in Kontakt zu treten.

Welche Verhaltensweisen sind typisch? Welche Folgen sind möglich?
Manches mag den Erwachsenen seltsam erscheinen. Teilweise verunsichert, überfordert oder irritiert es die Erwachsenen auch, wie Kinder sich in dieser Situation verhalten. Manchmal haben die Erwachsenen sogar den Eindruck, dass dem Kind alles egal ist, weil es sich "scheinbar" völlig normal verhält oder sogar "krampfhaft" den normalen Alltag aufrechterhalten will.

Bestimmte Verhaltensweisen sind jedoch häufig zu beobachten: plötzliche Stimmungswechsel (Traurigkeit, Wut, Zorn), Schlafstörungen, Alpträume, Gereiztheit, Trennungsängste, Verlustängste, Rückgang von Schulleistungen, Distanzierung vom sozialen Umfeld und / oder Distanzlosigkeit gegenüber dem Umfeld, aggressive und destruktive Verhaltensweisen, Entwickeln von magischen Phantasien über die eigene Stärke und über das Todesereignis, Verleugnung des Sterbens und des Todes, Entwicklung von Angst vor dem Tod und/ oder von diffusen Ängsten.

Manche Kinder flüchten auch ins Funktionieren und übernehmen der Aufgaben des Sterbenden oder Verstorbenen, andere werden aus der familiären Not heraus und/ oder aus Unachtsamkeit sogar durch Angehörige in diese Rolle hinein gedrängt und sind nicht in der Lage, sich Hilfe zu holen oder sich sogar dagegen zu wehren.
 
Leider entwickeln sich teilweise bei den Kindern auch psychische Störungen: Regression (Rückkehr in Verhaltensweisen, die einem jüngeren Kind entsprechen), Entwickeln von Tics und Zwängen, Bettnässen, Entwickeln von Schuldgefühlen dem Verstorbenen gegenüber, Zweifel an dem Selbstwert der eigenen Person, Sprachstörungen, Bindungsängste und -störungen, Todessehnsucht (manchmal sogar aus dem Wunsch heraus, dem verstorbenen Menschen wieder nahe zu sein), Selbstverletzung, Selbsthass.
Werden diese nicht aufgefangen und therapiert, kann es leider auch z.B. zu schweren psychischen Erkrankungen wie Depression bis hin zum Suizid kommen.
Außerdem können sich schwere körperliche Erkrankungen entwickeln und manifestieren, wenn diese nicht rechtzeitig erkannt und therapiert werden.

Was können wir Erwachsenen tun?
Je besser Kinder auf den Verlust vorbereitet werden und je besser sie in ihrer Trauer und ihrem Verlust gesehen und ernst genommen werden, desto besser können sie mit der Situation umgehen und ihre Trauer verarbeiten und dann trotz des Verlustes weiter gehen. Doch dazu benötigen sie an ihrer Seite liebevolle, ehrliche und achtsame erwachsene Begleiter. Dafür ist es wichtig, sie mit ihrem gesamten Gefühlschaos zu akzeptieren, sie auszuhalten und für sie da zu sein, wenn sie es brauchen.

Das wichtigste ist, den Kindern ehrlich und in aller Ruhe ihre Fragen zu beantworten und ihnen ihrem Alter entsprechend alle Informationen zu geben, die sie brauchen, um begreifen und verstehen zu können. Kinder brauchen Ehrlichkeit. Das betrifft sowohl die Erkrankung bei einem sterbenden Menschen als auch die Ursache des Todes.

Außerdem ist es wichtig, sie einzubeziehen für die nächsten Schritte, die nun folgen werden wie Abschiednahme, Sterben, Aufbahrung, Trauerfeier, Beerdigung etc., bei Bedarf auch immer und immer wieder.
Es muss immer den Kindern überlassen bleiben, ob sie mit zur Beerdigung möchten oder nicht, ob sie sich den verstorbenen Menschen anschauen möchten oder nicht. Sie müssen immer die Wahl haben, in welcher Form sie Abschied nehmen wollen.
Wenn die Kinder dem für sie nahen und wichtigen Verstorbenen etwas mitgeben möchten ins Grab oder in den Sarg, sollte das so weit wie nur machbar auch ermöglicht werden.
Kreative Aktivitäten wie malen, schreiben und die Situation mit Figuren nachzuspielen sind dabei zusätzliche Möglichkeiten für die Kinder, das Erlebte besser verarbeiten zu können. Aber die Kinder müssen auch die Möglichkeit haben, ihre Wut zum Ausdruck zu bringen.

Doch trotz aller Trauer: das Leben geht weiter - und auch diese Botschaft ist wichtig für die Kinder. Immer wieder sind positive Gegengewichte genau so wichtig wie die Bewältigung des Verlustes, denn alles hat seine Zeit, traurig sein und fröhlich sein, klagen und tanzen ...
Oft sind für die Kinder therapeutische Hilfe und / oder die Teilnahme an Kindertrauergruppen oder ähnlichem sinnvoll und hilfreich. Besonders, wenn die Angehörigen selber so in ihrer eigenen Trauer gefangen sind, dass sie nicht in der Lage sind, sich um das trauernde Kind zu kümmern.

Es ist sinnvoll, Kinder bereits früh achtsam und behutsam auf die Themen Vergänglichkeit, Sterben und Tod hinzuführen. Wir alle sind sterblich - und es ist ein Recht der Kinder, dieses zu wissen und zu begreifen. Der Tod ist kein Feind der Menschen, sondern er gehört zum Leben genau so dazu wie die Geburt. Der Jahreskreis zeigt uns das Leben mit  all seinen Stationen, vom Erblühen des Lebens bis zum Winter.

Dieses Interview gab uns Sabine Marya anlässlich der Präsentation des neu erschienenen Buches "Bertha und Anna und der Tod". Bitte beachten Sie auch den dazugehörigen Artikel "Kinder trauern anders", den Sie hier finden!

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Die Autorin Sabine Marya