Drucken

Nordstrand: Aus der Heimat vertrieben – es bleiben viele Fragen

am . Veröffentlicht in Aktuelle Nachrichten

Das Kinderheim mit der Nordstrander Kirche davor

Mehr als alle anderen brauchen Kinder den Schutz dieser Gesellschaft. Dies scheint jedoch noch immer nicht allen Menschen bewusst zu sein, auch nicht in den Kreisen, bei denen man eigentlich von "Berufs wegen" davon ausgehen sollten, dass sie es besser wissen sollten. Christliche Werte scheinen zumindest für die katholische Kirche ein Fremdwort zu sein.

Es ist soweit: Das Kinderheim auf Nordstrand ist komplett entleert. Aber bevor Sie denken, dass dies eine Erfolgsmeldung sei – es ist vielmehr das traurige Gegenteil. Fachleute meinen, dass vielen Kindern, die lange Zeit in dem Kinderheim zufrieden waren, durch die Zwangsumsiedlung, die die katholische Kirche gegen jeden Widerstand durchgesetzt hat, erheblicher Schaden zugefügt wurde. Zurück bleibt eine verlassene Immobilie, die die Kirche schon seit geraumer Zeit vergammeln lassen hat. Und das, obwohl zu dem Zeitpunkt noch viele Kinder dort wohnten. Aber so, so die Meinung vieler Involvierter, konnte sich die katholische Kirche nach über 100 Jahren sozialer Arbeit mit Kindern aus der Verantwortung für Kinder, Jugendliche und junge Mütter aus prekären sozialen Verhältnissen stehlen.

„Wo ist GOTT?“, fragte eines der Heimkinder vom St. Franziskus-Kinder- und Jugendhaus auf Nordstrand im Frühjahr 2015. Die Frage bezog sich auf die aktuelle Lebenssituation des Kindes, denn die Caritas hatte damit begonnen das Kinderheim auf Nordstrand zu entleeren. Ein Heimbewohner nach dem anderen wurde in andere Einrichtungen verlegt. Paradox an diesem Handeln war, dass es mit dem Arzt Dr. Uwe Krüger einen Investor gegeben hatte, der das Heim mit seinen Bewohnern retten wollte. Nur ein Träger hätte ihm noch gefehlt. Doch die Caritas als Träger ließ das Heim weiter entleeren, während das Erzbistum Hamburg als Besitzer der Immobilie zu beschwichtigen versuchte und den nordfriesischen Kreistag für seine Einmischung rügte.

Zeichnung: Zwei Kinder bitten eine Gruppe Geistlicher um Hilfe. Die aber tragen ein Transparent, dass sie nicht zuständig seien.Wegschauen, ignorieren, aussitzen … mit diesen Waffen reagierte die Kirche auf die Bemühungen von vielen Menschen. Die hatten sich aus ganz Deutschland für den Erhalt des Kinderheims eingesetzt – sie hatten per Post und per Mail Hilferufe an Kirchenvertreter der evangelischen und katholischen Kirche und an Vereine und Politiker geschickt, Anzeigen im Hamburger Abendblatt geschaltet, Leserbriefe geschrieben und ein Lichterfest auf Nordstrand organisiert. Der 76 jährige Arne Bruhn hielt sogar über Wochen bei Wind und Wetter Mahnwachen vor dem Mariendom ab. Bis zum Schluss bezog der neue Erzbischof Dr. Heße jedoch keine Stellung und erweckte damit den Anschein, nichts zu wissen von den menschlichen Dramen im Kinderheim und dem Zustand des Heimes.

Warum mied der neue Erzbischof jeglichen Kontakt mit der Herzensangelegenheit seines Vorgängers Weihbischof Jaschke? Was noch vor drei Jahren bei einem Besuch von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen als "Vorzeigeprojekt" galt, wurde jetzt in einem heruntergewirtschafteten Zustand präsentiert. Ob Absicht oder nicht: Es sieht für unbeteiligte Betrachter so aus, als wären alle Register gezogen, um sich nach über 100 Jahren sozialer Arbeit mit Kindern aus der Verantwortung für Kinder, Jugendliche und junge Mütter aus prekären sozialen Verhältnissen hinweg zu stehlen. Auch dass die Kirche das Kinderheim schon zweimal hat schließen wollen, hinterlässt einen üblen Nachgeschmack. Man könnte sagen: Beim dritten Versuch der katholischen Kirche seit 2006 gelang es ihr nun dieses Heim zu schließen.

Der 76-jährige Arne Bruhn bei einer der Mahnwachen, die er fast wöchentlich abgehalten hat. „Ich will morgen einfach nicht ausziehen. Das ist mein Zuhause ...“, sagte am 12.7 eine Heimbewohnerin. Doch wie bei den anderen wurde auch bei ihr keine Rücksicht darauf genommen, dass es ihr ZUHAUSE für sie war. Am 13.7.2015 wurde das St. Franziskus-Kinder- und Jugendhaus auf Nordstrand komplett entleert.
Ein ehemaliger Heimbewohner, der von Anfang an aktiv in der Bürgerinitiative dabei war, schrieb dazu: „Hallo, Ihr Lieben, wie einige von euch ja schon wissen, bin ich auch ein damaliger Bewohner des Haus St Franziskus Kinderheims auf Nordstrand und habe dort meine ganze Kindheit verbracht und es war eine wunderbare Zeit, die ich dort verbracht habe. Werde ich nie vergessen. Ich schäme mich für unsere Gesellschaft, dass wir trotz aller Bemühungen und Anstrengungen eigentlich für die Heimbewohner nichts erreicht haben. Für mich ist klar: immer, wenn ich an die Kirche nur denke, wird mir automatisch sehr übel, dass die Kirche so etwas zulässt! An Euch alle, die ihr Zuhause verlassen mussten: Ich bin in Gedanken bei Euch!"
Ein Heimkind schrieb den Unterstützern im Mai: „Egal, wie unerträglich der Aufenthalt für uns alle momentan im Haus St. Franziskus ist, wir können das so nicht akzeptieren, so ungerecht behandelt zu werden. Es gibt viele, die schon aufgegeben haben, aber die andern, wie ich, wir stellen uns nur die Frage: Wer ist dafür verantwortlich und wer kann mit so einer Schuld leben???“

Diese Frage wurde von den Verantwortlichen bis jetzt genau so wenig beantwortet wie die vielen noch offenen Fragen, z.B.:

  • Warum ist das St. Franziskus Kinder- und Jugendhaus, das noch 2012 von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen und Weihbischof Herrn Jaschke öffentlich gelobt wurde (http://www.okwestkueste.de/wk/hoeren/on_demand/2012/Februar.php#13815b9) und zu dem Zeitpunkt von dem Heimleiter und Sozialpädagogen Michael Schwarz geleitet wurde, in den vergangenen zwei bis drei Jahren so verkommen, dass es sich nun als heruntergewirtschaftetes Gebäude präsentiert?
  • Warum wurde nicht weiterhin dafür Sorge getragen, dass das Heim kontinuierlich renoviert wurde? Wer ist damit seiner Fürsorgepflicht dem Gebäude und den Heimbewohnern gegenüber nicht nachgekommen?
  • Warum wurde es zugelassen, dass es in dieser Einrichtung seit letztem Jahr schon keinen Hausmeister mehr gibt, der das Gelände und das Gebäude betreut und pflegt, obwohl dort zu dem Zeitpunkt noch über 40 Heimbewohner lebten?
  • Warum war es möglich, dass seit dem Weggang von Heimleitung und Sozialpädagoge Michael Schwarz ohne die dafür notwendige Ausbildung und Qualifikation ein Erzieher die "Einrichtungsleitung in Vertretung" sein durfte? Dazu heißt es in der Verordnung über personelle Anforderungen für Heime: § 2“Eignung des Heimleiters(1) Wer ein Heim leitet, muss hierzu persönlich und fachlich geeignet sein. Er muss nach seiner Persönlichkeit, seiner Ausbildung und seinem beruflichen Werdegang die Gewähr dafür bieten, dass das jeweilige Heim entsprechend den Interessen und Bedürfnissen seiner Bewohner sachgerecht und wirtschaftlich geleitet wird.“ Dies scheint in den letzten Jahren nicht gegeben gewesen zu sein, oder?
  • Warum wurde zugelassen, dass auf dem Grundstück Scherben liegen, anstatt diese sofort zu entfernen oder dafür Sorge zu tragen, dass diese sofort entfernt werden und warum wurden beschädigte Glasfenster auf dem Gelände wegen der hohen Verletzungsgefahr für Heimbewohner nicht sofort gesichert?
  • Laut Entgeltvereinbarung ist genau aufgeschlüsselt, wofür beim Tagessatz das leistungsgerechte Entgelt genutzt werden muss. Er setzt sich unter anderem aus den Kosten für die pädagogische Betreuung und die Pflege und Modernisierung der Gebäude zusammen. Wo ist dieses Geld in den Jahren investiert worden? Wenn das Geld nicht gereicht hat, wieso wurde dann nicht dafür gesorgt, dass das Angebot vom Kreis angenommen wurde, den Tagessatz zu erhöhen?
  • Als das Heim 2006 geschlossen werden sollte, hat Schwester Constanze wie eine Pelikanmutter für die Heimbewohner gekämpft – und das in ihrer Position als Nonne, von der die Kirche Gehorsam erwartet. Als das Heim das 2. Mal geschlossen werden sollte, war es der damalige Heimleiter Michael Schwarz, der mit aller Kraft für den Erhalt des Heimes öffentlich gekämpft hat. Warum hat seit Januar, als die Schließungsabsichten der Caritas verkündet wurden, nicht ein einziges Mal die momentane Einrichtungsleitung FÜR den Erhalt vom Heim öffentlich Stellung bezogen und gekämpft?
  • Warum wurde weiterhin die Entleerungspolitik betrieben, anstatt den Inselarzt und potentiellen Investor, Dr. Krüger, bei der Suche für einen anderen Träger zu unterstützen?
  • Die Auflagen für den Brandschutz sind ja schon länger bekannt. Warum wurde, BEVOR die Brandschutzaufsicht kam, nicht dafür gesorgt, dass diese erfüllt wurden? Wer ist dafür verantwortlich? Warum wurden keine öffentlichen Versuche unternommen, dafür z.B. Spenden zu bekommen, sondern stattdessen riskiert, dass das Heim auf die Schnelle geschlossen werden kann? Warum wurde der große Wasserschaden im vergangenen Jahr nicht sofort repariert?
  • Warum wurde nicht wie unter der Heimleitung von Michael Schwarz weiterhin dafür gesorgt, dass Heimbewohner aus anderen Bezirken/ von anderen Jugendämtern ins Heim kommen und das Heim damit weiterhin voll belegt war?
  • Warum wurde für die Heimbewohner keine Vollversammlung einberufen, als die Schließung bekannt wurde, sondern es sogar zugelassen, dass Heimbewohner einzeln ins Büro gerufen wurden für eine Weitergabe dieser Information?
  • Heimbewohner haben eine Möglichkeit zur Mitsprache über eines von drei Vertretungsorganen: Heimbeirat, Heimfürsprecher oder Ersatzgremium. Die Heimleitung muss alle wichtigen geplanten Veränderungen rechtzeitig vorher mit der jeweiligen Bewohnervertretung besprechen. Mit wem von einer solchen Vertretung wurden über die Schließungsabsichten und die geplanten Verlegungen gesprochen? Gab es überhaupt in der letzten Zeit für die Heimbewohner eines dieser Vertretungsorgane?
  • Wurden die Kinder und Jugendlichen, wie es das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) vorschreibt, entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe beteiligt? Sind sie in geeigneter Weise auf ihre Rechte im Verwaltungsverfahren sowie im Verfahren vor dem Familiengericht, dem Vormundschaftsgericht und dem Verwaltungsgericht hingewiesen worden und über ihre Rechte aufgeklärt worden?
  • Wurde das Problem, dass im vergangenen Jahr Ungeziefer auf dem Gelände war, in den Griff bekommen?
  • Wie sieht die rechtliche Situation aus bezüglich des Testamentes der Witwe Gutbier, die der Kirche das Heim mit Ländereien und Auflagen vermacht hatte?
  • Wie passt das alles mit Artikel 10 der Schleswig-Holsteinischen Landesverfassung zusammen, in dem den Kindern ein besonderer Schutz zugesagt wird?

Wen wundert es da, dass im letzten Jahr 217.716 Menschen die katholische Kirche verlassen haben (Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/katholische-kirche-austritte-auf-rekordniveau-a-1044229.html)?
Und das bestimmt nicht nur aus steuerlichen Gründen …

Zeichnung: Zwei gut genährte Geistliche stehen vor einer prunkvollen Kirche. Der eine erklärt dem anderen, dass sich das Kinderheim nicht rechne, während beiden Geld und Schmuck aus den großen, übermäßig gefüllten Taschen herausfällt.